Saturday, 15 November 2008

Trotzdem: Jeden Tag mit vollem Einsatz spielen, als ob ob ob ist.

Vorbei, hast du gesagt, und ich habe dir zugehört, natürlich; natürlich, verstehe ich, natürlich. Geträumt, hätten wir, hast du gesagt, uns etwas herbeigesehnt; natürlich. Aber warum, frage ich mich, warum dieses Bedürfnis, nicht einfach nur Adieu zu sagen, sondern gleichzeitig auch zu urteilen darüber, was war; es abzustempeln: eine Art falsches Bewusstsein (wenn auch der Ausdruck nicht ganz stimmt, so passt er doch); kindliches Träumen, das wir doch nun endlich überwunden haben (sollten), jetzt, wo wir wieder in der Welt der Erwachsenen angekommen sind; du in deiner, und ich in meiner. Aus der Traum, es hat sich ausgeträumt. Vernünftig sein, wir wolln doch vernünftig sein, ja? Sei vernünftig, siehst du nicht? So und so. Natürlich; natürlich, ich verstehe.
Dir selbst treu bleiben müsstest du, hast du gesagt, und ich habe dir zugehört, natürlich; natürlich, verstehe ich, natürlich. Sich selbst treu bleiben, ja doch, und gleichzeitig denke ich: man kann sich selbst treu bleiben, so sehr und so lange, bis man sich schließlich selbst nicht mehr kennt, sich nicht mehr wieder erkennt, und, schlimmer noch, bis man sich vielleicht selbst nicht mehr mag. Ich habe Menschen gesehen, denke ich, die sich selbst treu geblieben sind, so sehr, dass die letzte Konsequenz dieser Selbsttreue, dieses Einschwörens auf sich selbst, die eigene Auslöschung war. Das ist nur konsequent, nicht wahr; wir wollen uns doch treu bleiben, wolln wir doch, ja wolln wir, natürlich. Natürlich, ich verstehe.
Warum sich also dagegen sträuben, gegen diese Worte, gegen dieses Ende? Dein gutes Recht ist es, natürlich. Natürlich: es ist dein gutes Recht. Und doch denke ich: was ist denn um Himmels Willen nur falsch daran, zu träumen, was falsch daran, sich etwas herbeizusehen? Wir kannten uns kaum; was hätten wir anderes tun sollen, als träumen? Uns selbst träumen, jeder für sich, und den anderen; und uns beide zusammen. Wir sahen uns kaum; was hätten wir anderes tun sollen, als uns sehnen? Nach dem anderen (den wir träumten), nach einer Zukunft, die wir ebenfalls träumten und die natürlich - natürlich! hörst du, natürlich! - (noch) nicht da war, (noch) nicht wirklich war, sondern ein Traum, eine Hoffnung, vermessen vielleicht, ja. Aber wann, sag es mir doch, wann 'ist' die Zukunft denn schon jemals wirklich? Und die Gegenwart? Und die Vergangenheit?
Und überhaupt: Was ist das schon, frage ich mich (weil ich dich nicht mehr fragen kann), was ist denn das schon, 'die Wirklichkeit', derentwillen ich jetzt nicht mehr träumen, mich nicht mehr sehnen soll? Wie eine leere Hülse (eine Worthülse, so sagt man doch) kommt es mir vor, dieses Wort da: Wirklichkeit; wie ein Haar im Mund zu einem sperrigen, unbequemen Balken geworden. Wer sind wir schon wirklich, jeder für sich (denn zusammen, so sagst du, waren wir doch nicht wirklich; nur träumend)? Als ob es nicht so wäre, dass ein Teil dieses geheimnisvollen Etwas, dem wir doch, bitte schön, treu zu bleiben haben, als ob dieses Selbst nicht zum überwiegenden Teil ein Traum wäre, eine Illusion, ein Ideal, ein Selbstbild. Und dem soll ich treu bleiben, im Namen eines vermeintlichen Realitätsprinzips? Warum? Warum soll ich mich nicht verlieren, verlieren im Träumen als eine andere in der Beziehung zu einem anderen, um mich dadurch, vielleicht, wiederzufinden? Was ist falsch daran, an einer anderen Person wachsen zu wollen; zum andern hin (ihn nur träumend erahnend, und dennoch: zum andern hin); auch auf die Gefahr hin, nicht zu wissen, wer man schließlich sein wird, und wer diese andere Person da 'wirklich' ist?
Nun gut. Egal. Vorbei, sagst du; ich nicke und gehe, später dann, taumelnd durch die winterlich kalte Stadt. Ja, habe ich genickt, obwohl ich eigentlich gar nichts verstanden habe; deine Worte ein weißes Rauschen an meinen glühend-roten Ohren. Tatsächlich aber hast du mich nicht gefragt, ob ich verstehe (nicht ein einziges Mal; nicht einmal 'Ich hoffe, du verstehst', hast du gesagt; nur Bescheid wissen sollte ich. Danke, ich weiß Bescheid; jetzt weiß ich Bescheid; darüber, wie es um dich steht. Und dass du eine Entscheidung getroffen hast; für uns beide, wie sich herausstellt). Also gut, ja. Verstehn tu ich es nicht, aber akzeptieren, nun, akzeptieren muss ich es wohl.

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