Hier ein brillianter Artikel einer meiner Grrrrrrrls zur Berichterstattung über den Vergewaltigungs-Vorwurf an Dominique Strauss Kahn.
Ich habe zudem einen Leserbrief an die ZEIT geschrieben; von dem ich jetzt mal nicht ausgehe, dass er abgedruckt wird, weswegen ich ihn hier veröffentliche:
Betreff: Leserbrief zu Artikel "Sünden der Macht"/Interview mit BHL im Feuilleton (Zeit Nr.21)
Sehr geehrte Zeit-Redaktion,
mit Entsetzen, und ich wähle diesen starken Ausdruck bewusst, habe ich diese Woche die erste Seite des Feuilletons gelesen. Dass ausgerechnet die ZEIT in den sexistischen und verharmlosenden Tenor der Berichterstattung über die "Sex-Affäre" von Dominique Strauss Kahn einstimmt, hat mich wirklich schockiert.
Sowohl Klaus Harprecht als auch Bernard-Henri Lévy verharmlosen sexuelle Gewalt (oder, im Sinne der Unschuldsvermutung: den Vorwurf sexueller Gewalt), indem sie den Beschuldigten lediglich als notorischen Schwerenöter, seine Tat als "Affäre", als (lässliche) Sünde darstellen.
Beide Autoren verwenden Relativierungsstrategien:
BHL dreht den Spieß einfach um und macht aus dem beschuldigten Täter ein Opfer - ein Opfer der amerikanischen Justiz, ein Opfer der französischen Politik, kurzum: Opfer eines falsches, unangebrachten Puritanismus, der sich nun am jahrhundertelang tolerierten "Schwerenötertum" völlig unnötig pikiert. BHL scheint aus der "Affäre" Strauss-Kahn wohl so etwas ähnliches wie die "Affäre" Clinton-Lewinsky machen zu wollen - und "vergisst" dabei den entscheidenden Unterschied: es geht hier, in der "Affäre" Strauss Kahn um den Vorwurf der Vergewaltigung.
Harprechters Artikel ist allerdings um einiges perfider. Die von ihm verwendeten Relativierungsstrategien sind zweifach: Biographisch - Strauss Kahn ist zu entschuldigen, weil er in einem Milieu aufwuchs, in dem sexuelle Gewalt gegen "Dienstboten" zum Alltag gehört. Historisch - Strauss Kahn ist zu entschuldigen, weil es immer schon eine Verbindung zwischen "Macht und Eros" gab. Doch an dem apologetischen, verharmlosenden, relativierenden Gedöns hakt eine Sache einfach ganz gewaltig: Two wrongs don't make a right. Auch wenn man keinerlei moralisches Empfinden dafür besitzen mag, dass man eine Straftat begangen hat, ist man schuldig. Auch wenn sexuelle Gewalt gegen Frauen jahrtausendelang Usus war, seit einigen Jahrzehnten ist sie strafbar.
Ich glaube kaum, dass Herr Harprechter einen rassistischen Gewaltakt mit der Geschichte des Kolonialismus und der Sklaverei verteidigen und verharmlosen würde. Ich glaube kaum, dass Herr Harprechter einen antisemitischen Gewaltakt mit der Geschichte des Antisemitismus und des Nationalsozialismus verteidigen und verharmlosen würde. Warum aber werden in Bezug auf Gewalt gegen Frauen analoge Argumente abgedruckt, und das in einem vermeintlich seriösen Medium wie der Zeit?
Enttäuscht,
Yours truly.
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